Herr Pompl, seit mehr als 100 Jahren baut Linde Luftzerlegungs-Anla- gen. Welche Entwicklungen waren dabei in den vergangenen Jahr- zehnten besonders prägend? 1 Bei den vielen Veränderungen gibt es eine Konstante: die kontinuier liche Arbeit daran, den Energieeinsatz so gering wie möglich zu halten. Luft kostet ja nichts, der Energieaufwand ist somit einer der Hauptkos tenanteile bei der Erzeugung von Luftgasen. Deshalb haben die Linde Anlagenbauer stets nach neuen Wegen gesucht, um den Betrieb von LuftzerlegungsAnlagen durch einen niedrigen Stromverbrauch günstig zu gestalten. Ist die Bedeutung dieses Themas vor dem Hintergrund des Klima- wandels noch weiter gestiegen? 1 Absolut, schließlich ist der Energieverbrauch mit der Erzeugung von CO2 verbunden. Es ist unser Ziel, die Anlagen energetisch weiter zu optimieren, um die CO2Emissionen zu senken. Das hat uns in den ver gangenen Jahren stark beschäftigt, zumal die Integration von Luftzer legungsAnlagen in der Energieerzeugung ein Markt mit zunehmender Bedeutung für Linde sein wird. Werden diese Anstrengungen vom Markt honoriert? 1 Leider nicht immer. Denn jede Kilowattstunde Strom weniger bedeu tet höhere Investitionen in Heizflächen oder Rohrleitungen. Manchen Kunden sind geringe Investitionskosten wichtiger, der Energieverbrauch spielt dann eine untergeordnete Rolle. Gilt das auch für Ihren Hauptkunden im eigenen Konzern, die Gases Division? 1 Die Kollegen achten auf beides: die Energiebilanz und die Inves titionskosten. Um beides miteinander zu verbinden, haben wir unser Verbesserungsprogramm „SCALE“ durchgeführt. Dabei wurden die Life CycleKosten optimiert und Einsparpotenziale gesucht. Mit welchem Erfolg? 1 Wir haben definiert, auf welche Komponenten man verzichten könnte, und natürlich auch, wie der Energieverbrauch weiter gesenkt werden kann. Unser Einsparziel haben wir letztlich unter anderem durch einen deutlich höheren Standardisierungsgrad und durch Modulbauweise erreicht. Die Luftzerlegungs-Anlagen, die Linde liefert, werden immer größer. Was steckt hinter dieser Entwicklung? 1 In der Tat werden die Anlagen immer größer – das ist eine der auffäl ligsten Entwicklungen in unserem Geschäft. Die erste Anlage aus dem Jahr 1902 produzierte in der Stunde ein bis zwei Kilogramm Sauerstoff. Vor 30 Jahren galt ein Luftzerleger mit einer Leistung von 10.000 Kubikme tern in der Stunde als großer Apparat. Heute ist das vergleichsweise klein, denn inzwischen sprechen wir von Anlagenkomplexen mit einer Leistung in der Größenordung von bis zu einer Million Kubikmetern pro Stunde. Wo werden derartige Großanlagen gebaut? 1 Zu den derzeit größten Komplexen zählen die Stickstofferzeugung im mexikanischen Cantarell für die so genannte Enhanced Oil Reco very und die acht LuftzerlegungsAnlagen zur Produktion von Sauerstoff, die wir für die PearlGastoLiquidsAnlage in Katar für Shell errichten. Diese Anlagen verfügen über eine Gesamtleistung von 860.000 Kubik metern pro Stunde. Die Größe der Anlage spielt auch eine Rolle, wenn sie zusätzlich Edelgase produzieren soll. Werden die Anlagen in Katar auch für die Herstellung von Krypton und Xenon genutzt? 1 Dies wäre mit den entsprechenden Zusatzeinrichtungen durchaus mög lich. Aber unser Kunde hat darauf verzichtet, weil die Erzeugung von flüs sigem Kraftstoff aus Erdgas einen gleichmäßigen und zuverlässigen Pro zess erfordert, der durch Zusatzeinrichtungen gestört werden könnte. Ganz generell: Welche technologischen Entwicklungen haben den Bau von Luftzerlegungs-Anlagen außerdem beeinflusst? 1 Als ich vor mehr als 30 Jahren bei Linde als junger Ingenieur begann, haben wir noch mit Rechenschieber und Logarithmentabellen gearbei tet. Dann kam der Taschenrechner, das war schon ein Fortschritt. Heute hat jeder einen mit der Welt vernetzten PC auf dem Schreibtisch. Die moderne Informationstechnologie hat auch die Arbeitsweise im inter nationalen Anlagenbaugeschäft stark verändert. Zum Beispiel moderne Werkzeuge für statische und dynamische Simulationen, die in Sekun denschnelle technische Lösungen anbieten. Vor allem die Kommunikation, oder? 1 Ja, sicher. Früher musste man tagelang auf Antwort per Post war ten oder man schickte ein Telegramm, wenn eine Anlage einen Defekt hatte. Heute filmt oder fotografiert der Kollege vor Ort mit dem Handy eine defekte Rohrleitung, und ich sehe das sofort hier auf meinem Bild schirm. Die Informationstechnologie hat auch das Design der Anlagen beeinflusst. Früher gab es für jede Steuerungs und Regelungsfunktion einzelne Geräte, die individuell geplant und verbaut werden mussten. Heute werden solche Funktionen am PC durch die Auswahl von vorge fertigten Softwarebausteinen realisiert. Das war die Voraussetzung für vollautomatischen Anlagenbetrieb. Verfügen alle Anlagenbauer über diese Kompetenzen? 1 In der Automatisierungstechnik für LuftzerlegungsAnlagen haben wir uns seit Mitte der 1980er Jahre einen Vorsprung erarbeitet. Die Remote Operations Centers (ROC) sind ein gutes Beispiel dafür. Von diesen Steu erungszentralen aus können wir alle Anlagen einer Region, eines Lan des und vielleicht bald eines ganzen Erdteils überwachen und die Pro duktion lenken. Störungen werden in der Regel aus dem ROC behoben. Nur wenn Reparaturen vor Ort notwendig sind, wird ein Expertenteam zur Anlage geschickt. An den Grundkomponenten eines Luftzerlegers hat sich über die Jahre aber nichts Wesentliches geändert, oder? 1 Der Luftzerlegungsprozess an sich ist immer noch der gleiche. In der Folge der permanent steigenden Anforderungen an die Reinheit der Gase ist es uns in den vergangenen 40 Jahren allerdings gelungen, die Reinheit von 99 Prozent auf 99,9999 Prozent zu erhöhen. Um unse ren Wettbewerbsvorteil zu sichern, haben wir die Fertigung von kriti schen Kernkomponenten selbst in die Hand genommen.Wenn ich mir die Entwicklung insgesamt anschaue, kann ich nur sagen: Wir sind für die Zukunft gut gerüstet. 35
