Report-Investor: Linde AG - Geschäftsbericht 2009

Mr. Krishnamurthy, Linde arbeitet im Bereich alternativer Energie- quellen unter anderem an einer Reihe von Projekten zur Erzeugung von Kraftstoffen aus Biomasse. Welche Perspektiven bietet dieses Engagement? 1 Der Anteil fossiler Energiequellen wird langfristig abnehmen, wäh­ rend erneuerbare Energien ihren Anteil am Energiemix steigern werden. Um bei dieser Entwicklung vorne mit dabei zu sein, verfolgen wir eine Reihe von alternativen Produktionsverfahren. Bei den Biokraftstoffen etwa bieten sich viele Möglichkeiten – einschließlich Bio­Wasserstoff. Als führender Hersteller von Wasserstoff und als einer der Wegbereiter einer künftigen Wasserstoff­Infrastruktur arbeiten wir auf diesem Feld intensiv mit Automobilunternehmen und Herstellern von Brennstoffzel­ len zusammen. Unser Ziel ist es, den Wasserstoff künftig primär unter Einsatz regenerativer Energien zu erzeugen, und zwar zu wettbewerbs­ fähigen Kosten. Bis es so weit ist, dürften noch etliche Jahre ins Land gehen. 1 Das wird sicher noch etwas dauern, aber wir starten auch nicht von null. Wir beherrschen die erforderlichen Technologien dank unse­ rer langjährigen Erfahrungen im Umgang mit Erdgas und Wasserstoff. Jetzt müssen wir Wege finden, dieses Know­how auf die wirtschaftliche Erzeugung von Biotreibstoffen zu übertragen. Welche Verfahren haben denn die größten Erfolgsaussichten? 1 Das lässt sich heute nur schwer vorhersagen, nur so viel: Die Pilotpro­ jekte, an denen wir uns beteiligen, verlaufen sehr vielversprechend. Zum Beispiel? 1 Zum Beispiel die Biogas­Anlage, die wir in Kalifornien gemeinsam mit dem Entsorgungsunternehmen Waste Management errichtet haben. In dieser Anlage wird das Gas einer Mülldeponie aufbereitet und zu Treib­ stoff verflüssigt. Auf diese Weise produzieren wir dort täglich 50.000 Liter Biokraftstoff und versorgen damit rund 300 Mülltransporter. In einem nächsten Schritt prüfen wir nun, aus dem Gas der Mülldeponie auch Wasserstoff herzustellen. Das ist nicht das einzige Projekt zur Erzeugung von Wasserstoff aus Abfallprodukten? 1 Richtig, an unserem Standort in Leuna arbeiten wir an einem Verfah­ ren zur Herstellung von Wasserstoff aus Glycerin, das zum Beispiel als Nebenprodukt bei der Biodieselerzeugung anfällt. Die entsprechende Anlage wird noch in diesem Jahr ihren Betrieb aufnehmen. Und wie sieht es mit Pflanzen als Rohstoff für die Kraftstofferzeu- gung aus? 1 Auch auf diesem Feld kommen wir weiter. Wir haben eine Pilotanlage konstruiert und errichtet, in der aus cellulosehaltigen Pflanzenteilen wie Holzabschnitten und Stroh Biokraftstoffe erzeugt werden. Dabei kommt ein integrierter biotechnologischer Prozess zur Anwendung, bei dem das Rohmaterial zunächst nach Zusatz von Enzymen per Hydro­ lyse in Zucker und anschließend durch Vergärung in Bioethanol umge­ wandelt wird. Welche Hürden gibt es auf dem Weg zu einer kosteneffizienten Pro- duktion noch zu überwinden? 1 Eine der Herausforderungen ist die Logistik. Häufig ist es nicht mög­ lich, genügend Biomasse an einen zentralen Ort zu bringen, um in gro­ ßem Maßstab wirtschaftlich Treibstoff zu erzeugen. Außerdem stellt sich generell die Frage nach der ausreichenden Verfügbarkeit der erneu­ erbaren Rohstoffe. Schließlich müssen die in Pilotanlagen erprobten Lösungen noch auf großindustrielle Produktionsmaßstäbe übertragen werden. Welche Möglichkeiten, das Logistikdilemma zu lösen, gibt es? 1 Eine Option ist die Entwicklung kleinerer, kosteneffizienter Anlagen zur Biomassevergasung, die eine dezentrale Umwandlung von Syn­ gas (siehe Glossar) in das gewünschte Endprodukt, wie zum Beispiel Bio­Wasserstoff, ermöglichen. Eine andere Möglichkeit ist es, mehrere kleine Anlagen zu einem Produktionsverbund zusammenzuführen und das dabei produzierte Bioöl mit Tankwagen zu einer zentralen Weiter­ verarbeitung zu transportieren. Dort könnte das Bioöl in Synthesegas umgewandelt, gereinigt und schließlich durch Trennung, Gärung bezie­ hungsweise durch die Fischer­Tropsch­Synthese (siehe Glossar) in Bio­ Wasserstoff, Bioalkohol oder Biodiesel weiterverarbeitet werden. Über welchen Zeithorizont sprechen wir, bis diese derzeit erprobten Verfahren marktreif sein könnten? 1 Die meisten dieser Technologien befinden sich jetzt in der Pilotphase, einige gehen in die Demonstrationsphase über. Die meisten dieser Ver­ fahren könnten in fünf bis zehn Jahren die Marktreife erreichen. Für uns ist es vor allem wichtig, von Anfang an mit den geeigneten Partnern maßgeblich an der Technologieentwicklung mitzuwirken. Denn auch hier gilt: Wer zu spät kommt, verpasst große Marktchancen. 75

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