s sieht fast so aus, als ströme eine riesige Servierbrigade in einen Bankettsaal. Rolltische werden hereingescho- ben, auf denen technische Delikatessen drapiert sind: verschiedene Instrumente, Bedienungseinheiten und andere Teile aus dem Innenleben eines Automobils. Danach folgt eine Auswahl von Fahrzeugen, die sich im Saal verteilen. Der auf einer Seite verspiegelte Raum wird nicht umsonst „Walhalla“ genannt und ist das Herzstück des Volkswagen Design Centers in Wolfsburg. Für Martin Winterkorn und Walter de Silva gehört der Auf- enthalt in der Walhalla zum Alltag. „Ein neues Automobil ist ja nicht von Anfang an so, wie es am Ende sein soll“, sagt Winterkorn, „im Design-Prozess müssen wir uns immer wie- der selbst überprüfen.“ Viele Stunden im Monat diskutiert er mit de Silvas Team über Architektur und Gestaltung neuer Modelle, beugt sich über Sicken und Kanten im Blech, fühlt die Oberflächen, lotet die fertigungstechnischen und ökono- mischen Grenzen des Machbaren aus. Mitunter greift der Vorstandsvorsitzende zum Maßband, um Proportionen besser beurteilen zu können: „Wer so viele Autos wie ich gesehen hat, merkt sofort, wenn irgendetwas nicht stimmt.“ „Man sollte Dr. Winterkorn nichts verschweigen“, erzählt de Silva, „er will alles wissen, wirklich alles – auch das, was man lieber für sich behalten möchte.“ Schließlich gehen die beiden Männer zu einem silbernen Audi A5 Sportback und einem roten Volkswagen Polo. Winterkorn beklopft jeweils den vorderen Radausschnitt, schaut ins Rad- haus, tritt einen Schritt zurück und schaut mit etwas Abstand wieder ganz genau hin. Dann sieht er de Silva einen Moment schweigend an, und der nickt verstehend. Die beiden diskutie- ren offenbar über ein Detail, ohne dabei auch nur ein Wort zu wechseln. Die zwei Männer ergänzen einander. Winterkorn, von Haus aus Materialforscher und Qualitätsexperte, ist es gewohnt, an Aufgaben systematisch, strukturiert und analytisch her- anzugehen. Und er gibt sich nie zufrieden: „Irgendetwas lässt sich immer noch weiter verbessern.“ De Silva ist aus dem gleichen Holz geschnitzt: „Kreativität wird immer mit völliger Freiheit gleichgesetzt“, erklärt er, „das ist ein großer Irrtum. Die Grundvoraussetzung für Kreativität ist vielmehr Disziplin.“ Als er zu Volkswagen kam, betrieb er erst einmal Grundlagen- forschung: „Wir haben das Design-Erbgut von Volkswagen und seinen Marken sorgfältig analysiert.“ Das Ergebnis ist ein ebenso faszinierender wie umfangreicher Katalog mit charak- teristischen Erkennungsmerkmalen. „Jede einzelne Marke hat ihre eigene historisch gewachsene DNA und typische Design-Kriterien“, erläutert der Chefdesigner. Bei Volkswagen sei dies beispielsweise die schlichte horizontale Gliederung E der Frontpartie, bei Audi die aufrechte, historisch gewachsene Kühlermaske. „Der rote Faden, der alles miteinander verbin- det, ist Einfachheit und Eleganz.“ Die Eleganz hat der aus Norditalien stammende de Silva im Blut. Die Einfachheit, auf die er bei Volkswagen traf, war ihm ein Segen. Der Begriff „Einfachheit“ ist in Italien durch und durch po- sitiv besetzt: „Wenn ein Mann ‚semplice‘ ist, dann ist er ein Ehrenmann“, veranschaulicht das de Silva, „ehrlich, verläss- lich, geradlinig.“ Eigenschaften, die seiner Ansicht nach auch den VW Käfer auszeichneten. Dessen unverwechselbar klare und gleichermaßen schöne Linienführung machten ihn zur Stilikone. „Gutes Design ist keine Frage des Preises“, resümiert der oberste Volkswagen Designer, „das wird auch der neue Volkswagen UP! aus unserer New Small Family unter Beweis stellen.“ Winterkorn und de Silva haben im Audi A5 Sportback Platz genommen und inspizieren den Innenraum. Über den heraus- ragenden Stellenwert des Designs im Konzern müssen sich die beiden nicht lange unterhalten: „Das Design ist die Sprache, in der wir mit unseren Kunden zuallererst kommunizieren.“ Und diese Sprache müsse überall in der Welt verstanden werden: „Unser Design signalisiert Zeitlosigkeit und außerordentlich hoheWertigkeit–esistaufdenerstenBlickerkennbarundbraucht keine langen Erklärungen.“ Das schließe maßgeschneiderte Lösungen für die Kunden auf den verschiedenen internationalen „Das Pure, das Einfache, das Klare erlebt eine ästhetische Renaissance.“
